PERSONELLER NOTSTAND IN DER PFLEGE

Die Hilferufe aus dem Pflegebereich sind unüberhörbar. Die Covid-19 Situation hat hier zusätzlich eine Dynamik entwickelt, die in dieser gravierenden Form nicht absehbar war. Von meinem Eindruck her agiert die Politik hier nach wie vor sehr zurückhaltend. Inzwischen werden Demonstrationen angekündigt, wo das Pflegepersonal auf ihre prekäre Situation hinweisen will. An und für sich ist die Situation im Pflegebereich nicht neu. Ich habe mich daran erinnert, dass ich in unserer Bürgerlistenzeitung „VOR ORT“ im Jahr 2011 auch schon über dieses Thema berichtet habe, wenn auch die Umstände etwas anders waren. Damals hatte die Politik speziell die „Ehrenamtlichkeit“ im Visier, mein Eindruck damals war, durch Ehrenamt sollte professionell ausgebildetes Personal ersetzt werden. Ich habe meinen Artikel von damals wieder ausgegraben:

Ehrenamtlichkeit ohne Grenzen?

Die vierte Ausgabe von VOR ORT hat es mir punkto Leitartikel nicht leicht gemacht. So richtig aufregende, emotional bewegende Begebenheiten, bei denen auf Grund gravierender gegensätzlicher Standpunkte ausführliche Diskurse geführt worden wären, waren in der Gemeinderatsarbeit 2011 nicht auszumachen, was natürlich auch seine Vorteile hat. Und erst in den letzten Wochen vor dem Erscheinen der neuen Ausgabe habe ich mir gedacht, schreibe doch was über das Jahr das Ehrenamtes, denn das wurde ja von allen politischen Seiten relativ konsequent in allen Medien so ziemlich von den politischen Köpfen unseres Landes intensiv angesprochen und thematisch forciert.

Das Thema war das gesamte Jahr über stark präsent und jetzt, knapp vor dem Jahresende, wurde bekannt gemacht: Ab sofort wird in jeder Bezirkshauptmannschaft eine Ehrenamt-Anlaufstelle eingerichtet. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, bekommt hier entsprechende Informationen.

In der Bezirkshauptmannschaft Vöcklabruck ist dieser „Treffpunkt Ehrenamt“ in der Abteilung für Vereinswesen im 1. Stock untergebracht. 50. Menschen sind im Bezirk Vöcklabruck ehrenamtlich tätig, in Oberösterreich sind es in Summe 600.000. Das  entspricht in etwa der Hälfte der Landesbevölkerung.

Und eine Studie hat ergeben, dass immerhin 26 % jener Menschen, die sich bislang noch nicht ehrenamtlich engagiert haben, dies vor allem deshalb nicht tun, weil sie noch nie darauf angesprochen worden sind.

Ich denke, Ehrenamt hat sicher auch hohe ethische Motive. Sich für die Gemeinschaft einzubringen, für Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen und damit auch die gesamte Gesellschaft in Richtung Humanität mit   zu   entwickeln, zeugt von Selbstlosigkeit und Solidarität. Es ist auch etwas zutiefst menschliches und schafft Sinn!

Trotzdem ist mir – wenn in politischen Ansprachen das Ehrenamt hervorgehoben wird  –  nicht immer ganz wohl dabei: Denn so intuitiv breitet sich da oft das Gefühl aus: Um einen gesellschaftlichen Wandel in Richtung allgemein gelebter Humanität, gegenseitiger Achtung und Wertschätzung, geht’s da nur vordergründig. Denn das Handeln der Politik wird durch das geprägt, was man begründeterweise erwarten kann: Und da geht’s der Politik wohl primär um Eines: Um eine riesige Kosteneinsparung!

Im Rahmen meines berufsbegleitenden Studiums „Integrative Supervision & Coaching“ an der Donauuniversität Krems konnte ich im September 2011 bei einer sogenannten „Feldbegehung“, bei der wir uns als Studierende einen Überblick über die Schwerpunktaufgaben, die personelle und finanzielle Situation sowie die internen Strukturen und Prozessabläufe verschaffen sollten einen ganzen Tag lang ein Landespflegeheim kennen lernen. Nach einem allgemeinen Rundgang durch das Haus interviewten ein Ausbildungskollege und ich, die stellvertretende Leiterin des Hauses sowie die Pflegedienstleiterin. Für mich war es spannend, Einblick in die Situation des Sozialbereiches in Niederösterreich zu bekommen, nachdem ich ja die Situation in Oberösterreich nach 32 Dienstjahren bei assista wohl doch etwas kenne.

Berichtet wurde uns von den beiden leitenden Mitarbeiterinnen, es hätte vor zwei Jahren einen tiefen Schnitt gegeben: Die Anzahl der Personalstellen wäre wohl gleich geblieben, doch bei der Qualifikation gab es Veränderungen in Richtung  kostengünstigerem  Personal: Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegefachkräfte wurden abgebaut und durch Heimhilfen oder auch Abteilungshelferinnen (also MitarbeiterInnen ohne Ausbildung) ersetzt.

Gleichzeitig wurde das Ehrenamt stark ausgebaut. Ehrenamtliche MitarbeiterInnen (Durchschnittsalter 64 Jahre) sind jetzt mittels Dienstplan fix zu ihrem Ehrenamt, welches von einfachen pflegerischen unterstützenden Leistungen bis zur Essenseingabe eingeteilt ist, aber auch sehr anspruchsvolle Aufgaben wie die psychosoziale Begleitung von Hospizpatienten reicht, eingeteilt.

Für die wichtige Beziehungsarbeit, die letztlich „das Öl im Getriebe“ ist, haben hauptbeschäftigte MitarbeiterInnen kaum noch Zeit, das wird mehr und mehr an Ehrenamtliche übergeben. Als noch tätige Diplomkraft arbeitet man dort nicht mehr am Pflegebett, man ist mit administrativen Führungsaufgaben und Dokumentationspflichten ausgelastet.

Hier noch kurz erklärt: Natürlich gibt es in gewissen Bereichen schon lange Dienstpläne für Ehrenamtliche, wie sonst würde sich der Einsatz von Rettungsorganisationen oder z. B. in der Telefonseelsorge organisieren lassen, die ihre anspruchsvollen Aufgaben ohne Ehrenamtliche sicherlich nicht annähernd im derzeitigen Ausmaß ausüben könnten. Nur: Im Kontext eines Pflegeheimes war das für mich neu.

Das hat mir nicht wenig zu  Denken gegeben: Denn ich kenne  natürlich  das Ehrenamt von assista. Da gibt es den Grundsatz: Ehrenamtliche machen keine Tätigkeit von den fix angestellten MitarbeiterInnen. Sie machen ausschließlich das, was sie gerne machen und gut können und stellen den körper- und mehrfachbehinderten BewohnerInnen damit Zusatzangebote in Form von zwischenmenschlicher Zuwendung zur Verfügung: Wenn jemand gerne kocht, dann kann diese Person mit den bei assista lebenden körper- und mehrfachbehinderten Bewohnern gemeinsam einen Kochabend machen. Wenn jemand gerne liest, dann freuen sich sehbeeinträchtigte Bewohnerinnen, wenn sie etwas vorgelesen bekommen. Oftmals fungieren Ehrenamtliche bei assista als Begleitpersonen bei Ausflügen oder externen Veranstaltungen, wo dann die gemeinsam verbrachte Zeit, das gemeinsame Gespräch, das gemeinsame Erleben im Vordergrund steht. Natürlich gehören auch solche Aktionen im Vorhinein vereinbart und abgesprochen – aber von einem Dienstplan für Ehrenamtliche habe ich noch nie etwas wahrgenommen.

Im Gesprächsverlauf haben wir die beiden auch über ihre Zukunftsvorstellungen in der Altenarbeit befragt: Und da gab es die klare Aussage:  Der jetzige Standard wird mit Sicherheit nicht zu halten sein. Die immer älter werdende Bevölkerung wird immer mehr Demenzerkrankungen produzieren – und das wird zu einer echten Herausforderung werden. Bei den schon jetzt prekären Arbeitssituationen einer 24-Stunden-Pflege in privaten Haushalten sind weitere Verschärfungen zu erwarten. Und auch das kam: Die Politik hat keine Ideen oder Strategien dazu … noch immer wird so getan, als wäre alles in bester Ordnung.

Am Beispiel Niederösterreich entsteht in mir der Verdacht,  dass es möglicherweise doch Strategien und Überlegungen der Politik  gibt: Es wäre doch allemal kostengünstiger, pflege- und betreuungsbedürftige Menschen verstärkt ehrenamtlich pflegen und betreuen zu lassen. Zwar gibt es derzeit noch vorgegebene Qualitätsstandards, die auch in vereinbarten Leistungspreisen mit den privaten Organisationen ihren Niederschlag  finden und damit den Einsatz von entsprechendem fachlich qualifiziertem Personal  regeln. Diese Leistungspreise sind aber jetzt schon so festgelegt, dass Einrichtungen, die viel junges und weniger gut ausgebildetes Personal haben, sich kostenmäßig wesentlich leichter tun, als eine Einrichtung, die gut qualifizierte Mitarbeiter, die bereits über jahrzehntelange berufliche Erfahrung verfügen, im Stammpersonal hat. Wenn nun die Qualitätsstandards mehr und mehr gelockert werden, was durch die festgesetzten knappen Leistungspreise indirekt ohnehin schon passiert ist, kann dann mehr und mehr dem Ehrenamt auf dem Dienstplan Platz gemacht werden. Wer sich kritisch im Bereich der Altenarbeit umsieht, wird feststellen, die ersten Anfänge sind bereits gemacht!

Darum ist wohl von uns allen Achtsamkeit gefragt, wenn das Ehrenamt zum gesellschaftspolitischen Überthema avanciert und man sich der Lobreden darüber kaum mehr erwehren kann. Denn: Das Ehrenamt hat wohl klare Grenzen und soll und darf nicht in inhumaner Weise als kostengünstigster Ersatz für qualifizierte berufliche Tätigkeiten zum Einsatz kommen!

Aktuell wird gefordert, die Anzahl der Betten in landesfondsfinanzierten Krankenanstalten auszubauen. Diese Forderung unterstützen wird selbstverständlich:

Christian Aichmayr

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