DUMMHEIT

Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und seit mehr als zwei Jahrzehnten Gerichtspsychiaterin. Vor kurzem ist ihr Buch „Dummheit“ erschienen, ich habe es gerade gelesen.

„Dummheit begegnet uns in vielerlei Form – doch woran kann man sie erkennen?“ Was haben so unterschiedliche Dinge wie „alternative Fakten“, menschenleere Begegnungszonen in Satellitensiedlungen und Schönheits-OPs als Maturageschenk gemeinsam? Heidi Kastner wagt sich an den aufgeladenen Begriff der Dummheit und betrachtet sowohl die sogenannte messbare Intelligenz (IQ) sowie die „heilige Einfalt“ und die emotionale Intelligenz, deren Fehlen immensen Schaden anrichten kann.  Was treibt Menschen, die an sich rational-kognitiv nachdenken könnten, dazu, sich und andere durch „dumme“ Entscheidungen ins Unglück zu stürzen? Wie ist kollektive Bereitschaft zu Ignoranz zu erklären und warum nimmt dieses Phänomen scheinbar so eklatant zu? Gibt es einen Konsens dafür, dass langfristig fatales, aber unmittelbar subjektiv vorteilhaftes Verhalten als „dumm“ anzusehen ist? Sind Abwägen und Nachdenken altmodisch? Und was um Himmels Willen ist so attraktiv am Konzept des Leithammels, der uns das Denken abnimmt, oder des Influencers, der uns den einzig wahren Weg zeigt? 

Wie schon Paracelsus sagte, ist gegen die Dummheit kein Kraut gewachsen. Selbst integre und intelligente Menschen neigen manchmal dazu, die eine oder andere Dummheit zu begehen, d.h. eine Handlung zu setzen, die bei näherer Betrachtung purer Unsinn ist. Doch was treibt die Menschen an, sich dennoch dumm zu verhalten? Sind es die Querulanten, die Verschwörungstheoretiker oder die Denkfaulen? Oder kann es jeden oder jede treffen, eine dumme Aktion zu setzen? Wenn es um einen schnellen, hohen Gewinn geht, fallen auch Hochbegabte auf Betrüger herein. Kann man Dummheit messen oder nur die Intelligenz? In einem Kapitel geht Heidi Kastner der in Zahlen gegossenen Intelligenz nach. Was sie leider (oder Gott sei dank) nicht anbieten kann, sind Lösungen. Hier zitiert sie Albert Einstein, der meint, dass die Dummheit noch sicherer unendlich als das Universum ist. Allerdings keimt ein wenig Hoffnung auf, wenn sie auf S. 93 schreibt, dass Donald Trump nicht nur gewählt, sondern auch wieder abgewählt worden ist.

Ich habe das Buch, welches auch auf die aktuelle Impfdebatte eingeht, als persönliche Fortbildung sehr genossen. Über die diesbezüglichen Faktenverweigerer schreibt sie: In einer Umfrage wurden Menschen aus der gar nicht so kleinen Gruppe der Corona-Impfverweigerer, immerhin 13 Protzent aller wahlberechtigten Österreicher, wobei zusätzlche 4 % – nach bald zweijähriger Pandemie – noch unsicher sind, ob sie eine Impfung durchführen lassen möchten, interviewt. Die Auswahl war gut getroffen und bildete ein breites Spektrum sogenannter „Argumente“ ab. Dass die Befragten im Kommentar etwas euphemistisch als „Verfechter der Menschenrechte“, „vorsichtig“ oder „Schulmedizin-kritisch“ beschrieben wurden, war wohl der Überzeugung geschuldet, den „Dialog“ in jedem Fall offenhalten zu müssen. Dialogbereitschaft ist zwar prinzipiell zu befürworten und eine gute Sache, allerdings nur, wenn sie auf beiden Seiten vorhanden ist. Alles andere benennt man besser als das was er ist, nämlich als zweckbefreite und absehbar ergebnislose Kombination zweier Monologe, und spart sich Mühe, Ärger und Zeit mit Menschen, die das Recht auf eine eigene Meinung mit dem recht auf eigene Fakten verwechseln oder zwischen den beiden Begriffen nicht unterscheiden können oder wollen. „Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten, ohne zu verurteilen“, ist eine hehre Forderung, die bei manchen Ergebnissen zeitigen mag, bei anderen aber einer Zeit- und Energieverschwendung Verschwendung Vorschub leistet und die Intensität und Dynamik dummer Positionierungen ignoriert, also Fakten ignoriert und daher selbst nicht ganz frei ist vom Geruch der Dummheit.

Es geht aber nicht nur um die Pandemie, einige konkrete Fallbeispiele – welche Dummheit untermauern – werden gleichfalls analysiert. Offen gesagt, ich nehme mich ja persönlich auch nicht von „Dummheit“ aus – die man beim aktuellen Handeln als solche nicht erkennt, wohl aber in der reflektierenden Rückschau dann weiß, das mache ich in Hinkunft anders und besser. Dummheit kann also durchaus auch bei Entwicklungsschritten bei entsprechender Selbstreflexion hilfreich sein. In Kastners Buch hätte als gutes Beispiel auch mein ehemaliger Vorgesetzter bei meinem langjährigen Dienstgeber assista Soziale Dienste gepasst, der am 31.05.1990 seinen Abschluss als Magister rer. soc. oec. feierte – um dann Jahre später nach meiner Aufforderung als Personalist, der für die Vollständigkeit von Personalakten zu garantieren hatte – eine von ihm gefälschte Magisterurkunde der JKU in Linz vorlegte, welche das Datum 02.07.1992 auswies. Damit flog sein Betrug letztlich auf, er hatte mangels entsprechender Voraussetzungen nie den Zugang zu einem ordentlichen Studium gehabt. Dass der Obmann des Trägervereines – als ein Artikel in der Kronenzeitung erschien, in welchem der Betrüger und Urkundenfälscher noch darlegte, „studiert zu haben“ – die Entdeckung als „Racheakt“ outete, spricht auch nicht unbedingt von Führungspersönlichkeiten zu erwartender Weitsicht und Intelligenz sondern eher mehr davon, dass in unserer heutigen Gesellschaft Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit keinerlei Wertschätzung mehr zukommt.

„Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen“ – meint Autorin Kastner. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen!

Christian Aichmayr

3 Gedanken zu „DUMMHEIT“

    • Lieber Franz, danke für Deine Rückmeldung …
      Mit der Dummheit ist das halt so eine Sache, ganz frei ist wohl niemand davon … aber ich glaube es macht Sinn, sich immer wieder mal im Leben zu fragen, wie bin ich denn unterwegs, was ist gelungen, was weniger, was könnte ich besser machen, wo habe ich allenfalls nicht ganz richtig reagiert. Sich selbst immer besser kennen zu lernen und dabei auch kritisch zu sein – das sehe ich auch als meine Verpflichtung im Umgang mit mir selbst an! LG Christian

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