„Die ELENDEN“ – RADIOBEITRAG ÜBER ANNA MAYRS BUCH

Faul. Ungebildet. Desinteressiert. Selber schuld. Als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen weiß Anna Mayr, wie falsch solche Vorurteile sind – was sie nicht davor schützte, dass ein Leben auf Hartz IV ein Leben mit Geldsorgen ist und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Früher schämte sie sich, dass ihre Eltern keine Jobs haben. Heute weiß sie, dass unsere Gesellschaft Menschen wie sie braucht: als drohendes Bild des Elends, damit alle anderen wissen, dass sie das Richtige tun, nämlich arbeiten. In ihrem kämpferischen, thesenstarken Buch zeigt Mayr, warum wir die Geschichte der Arbeit neu denken müssen: als Geschichte der Arbeitslosigkeit. Und wie eine Welt aussehen könnte, in der wir die Elenden nicht mehr brauchen, um unseren Leben Sinn zu geben.

Wir leben und arbeiten so, weil wir in einer Welt leben, die von den Kategorien Ware, Lohnarbeit und Wert beherrscht werden; wobei diese Konzepte nicht nur in unserer Wahrnehmung zu einer Art vermeintlich unverrückbarem Naturzustand geronnen sind, sondern auch materiell in einer historischen Herausbildung gesellschaftlicher Arbeitsteilung.

Wenn man diesen Zustand, der soziale Ungleichheit verantwortet, auflösen möchte, reicht es deshalb nicht, sich um Vorurteilsfreiheit zu bemühen. „Es wirkt schnell peinlich, links zu sein – manchmal habe ich das Gefühl, es ist kaum möglich, von einer gerechteren Welt zu sprechen, ohne sich selbst dafür ein bisschen zu verachten“, schreibt Mayr. Vielleicht ist es auch dieses Gefühl, das sie daran hindert, die Fragen etwas grundsätzlicher zu stellen. Aber auch das ist nachvollziehbar. In einer Zeit, in der es als mutig gilt, sozialdemokratische Forderungen zu stellen, gelten jene als komplett verrückt, die mehr als das fordern.

Christian Aichmayr hat ihr Buch gelesen und präsentiert in seinem Beitrag Auszüge aus diesem sowie auch eine Zusammenfassung aus diversen Rezensionen. Das Buch provoziert, aber das ist auch gut so. Vieles was Anna Mayr beschreibt, kann als realistisch angesehen werden. Kurz streift er auch die Situation in Österreich, wo ständig von einer Höhe von 55 % der Nettoersatzrate (also des Letztbezuges im Arbeitsverhältnis) des Arbeitslosengeldes offiziell die Rede ist, dies aber schon auf Grund des vorgegebenen Berechnungsrahmens im Regelfall niemals erreicht werden kann (außer in speziellen Sonderfällen, wo sonst ein absolut geringer AMS-Bezug entstehen würde). Die aktuellen Vorstöße der SPÖ, der AK und der Gewerkschaft, das Arbeitslosengeld auf 70 % Nettoersatzrate anzuheben, sind löblich – zeugen aber von wenig Wissen über die tatsächlichen Gegebenheiten der jetzigen Situation. Denn würde tatsächlich 55 % Nettoersatzrate des Letztbezuges zum Tragen können, wäre das schon eine Verbesserung im Hinblick auf die Höhe des AMS-Bezuges.

„Die Elenden – Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht“, Hanser Berlin, Berlin 2020, ISBN 9783446268401, Gebunden, 208 Seiten, 20,60 EUR in Österreich

Christian Aichmayr

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